Forschungsbericht zur Mengenentwicklung

Die Tatsache ist unumstritten: Seit Jahren geht in Deutschland die Zahl der Krankenhausbehandlungen nach oben. Über die Gründe für diese Entwicklung herrscht zwischen den Kliniken und Kassen allerdings Dissens. Die Krankenkassen behaupten, die Krankenhäuser nähmen aus finanziellen Erwägungen viele Eingriffe vor, die medizinisch nicht notwendig seien. Die Krankenhäuser weisen den Vorwurf von sich und kontern, für die Mengenentwicklung gebe es medizinische und demografische Gründe. Ein Gutachten zur Entwicklung der Fallzahlen sollte Aufklärung bringen. Mitte Juli 2014 haben die Gesundheitsökonomen Prof. Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg und Prof. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin die Ergebnisse des Forschungsberichts vorgelegt. Doch viele Fragen bleiben weiter offen.

In Deutschland steigen die Fallzahlen stärker als in anderen Industrieländern

Zunächst konstatieren die Experten, dass von 2007 bis 2012 die Zahl der vollstationären Fälle in deutschen Krankenhäusern von 17,2 Millionen auf 18,6 Millionen und damit um 8,4 Prozent gestiegen sind. Die größten Veränderungen (insgesamt die Hälfte des Fallwachstums) habe es bei Krankheiten und Störungen des Kreislaufsystems sowie des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes gegeben. Laut Gutachten weisen diverse Leistungsgruppen mit planbarem Charakter große Fallzahlsteigerungen auf. Dagegen seien in Gruppen mit medizinisch eher akutem Charakter - dazu gehört der akute Herzinfarkt – die Behandlungszahlen weniger stark gestiegen. Zurückgegangen sei die Zahl der Fälle mit einer Verweildauer von mehr als sechs Tagen, die Fälle mit einer Verweildauer unter sechs Tagen hätten jedoch zugenommen. Im Vergleich mit anderen OECD-Staaten weise Deutschland insgesamt "ein sehr hohes Fallzahlniveau sowie hohe Fallzahlsteigerungen auf". Eine eindeutige Antwort darauf, warum das so ist, gibt das Gutachten jedoch nicht. Für die Autoren könnte die Fallzahlentwicklung "durch eine Vielzahl von Einflüssen verursacht sein, die sich auf Veränderungen der Nachfrage und des Angebots zurückführen lassen."

Mehr alte Menschen heißt nicht automatisch mehr Fälle

 Bei der Nachfrage untersuchten die Wissenschaftler die Aspekte Mortalität (Menschen verursachen im letzten Lebensjahr oft hohe Kosten), Morbidität (Zu- oder Abnahme von Krankheitsschwere) und Bevölkerungsentwicklung (Zu- oder Abnahme der Bevölkerung in bestimmten Altersklassen). Mortalität und Morbidität, so fanden die Forscher heraus, sind in den vergangenen Jahren eher gesunken. Das heißt: Sie hatten eher einen fallzahlsenkenden Effekt. Die Demografie hingegen wirkte leicht fallzahlsteigernd. Allerdings verneinen die Autoren ausdrücklich die oft vertretene Ansicht, dass ein höheres Alter automatisch mit höheren Fallzahlen einhergeht.

Steigt das DRG-Gewicht, steigt die Fallzahl

Bei der Analyse des Angebots stellten die Professoren fest, dass "die Krankenhäuser ihre Fallzahlen kausal als Antwort auf Veränderungen der Deckungsbeiträge verändern". Konkret: Erhöht sich das sogenannte DRG-Gewicht, eine für den Erlös zentrale Größe, um ein Prozent, so steigen die Fallzahlen durchschnittlich um 0,2 Prozent im Jahr danach. Sinkt das DRG-Gewicht um ein Prozent, so sinken auch die Fallzahlen um 0,2 Prozent. Die Fallzahlveränderung könne aus drei Komponenten bestehen:

  • Selektion: Es werden mehr Patienten aufgenommen.
  • Upgrading: Patienten werden in besser vergütete Fallpauschalen eingruppiert.
  • andere Behandlungspfade: Es werden mehr, weniger oder andere medizinische Prozeduren durchgeführt.

Die Analysen, so die Forscher, hätten gezeigt, dass es bei eher akuten Leistungen, etwa akuten Gefäßerkrankungen, Kodier- und Behandlungsänderungen als Antwort auf Veränderungen der DRG-Gewichte gegeben habe. Bei medizinisch planbaren Leistungen habe sich eher das Aufnahmeverhalten verändert. Weitere Feststellungen der Wissenschaftler: Je geringer der Wettbewerbsdruck in einer Region, desto stärker ändern sich die Fallzahlen infolge veränderter DRG-Gewichte. Die bisherigen Analysen erlauben laut Gutachten jedoch keine Aussage darüber, ob dieses Verhalten der Kliniken zu medizinisch nicht notwendigen Eingriffen führt.

Experten empfehlen mehr Forschung und machen diverse Vorschläge

Nach Ansicht von Schreyögg und Busse ist sowohl beim Angebots- als auch beim Nachfrageverhalten weitere Forschung nötig. Das Autorenteam gibt außerdem Empfehlungen, wie sich die Fallzahlen besser steuern lassen. Zu diesen gehören konstante statt wechselnde Stichproben für die Kalkulation der DRG-Gewichte, eine stärkere Diagnoseorientierung bei den Fallpauschalen, ein interdisziplinäres Zweitmeinungsverfahren für eine bessere Indikationsstellung, eine Neuausrichtung der Krankenhausplanung und eine Weiterentwicklung der Vergütung in Richtung Qualität.

Weitere Informationen zum Forschungsbericht

Zum Interview mit Christian Wehner  zur Krankenhausplanung

Gutachten Mengenentwicklung
Stand: Juli 2014