Missbrauch von Medikamenten am Arbeitsplatz Pflege: Eine Abhängigkeit ist schwer zu erkennen

Mit 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen sind in Deutschland genauso viele Menschen von Medikamenten abhängig wie von Alkohol. Experten gehen davon aus, dass der Anteil Medikamentenabhängiger bei Pflegenden aufgrund der "Griffnähe" höher liegt als in der sonstigen Bevölkerung. "Pflegekräfte gehen täglich mit Medikamenten um, täglich können sie beobachten, wie die Tabletten bei den Patienten wirken, und viele Medikamente sind für sie frei verfügbar", sagt Johannes Abeler. Der Hamburger Suchtberater berichtet, dass er immer öfter von Ärzten und Pflegenden wegen eines vermuteten Medikamentenmissbrauchs - entweder bei sich selbst oder bei Kollegen - angesprochen wird. "Der Konsum steigt offensichtlich mit zunehmender Belastung in den Gesundheitsberufen", so Abeler.

Eine Medikamentenabhängigkeit ist sowohl für die Betroffenen selbst als auch für andere schwer zu erkennen, weil die klassischen Suchtkriterien nicht immer erfüllt sind: Die betreffenden Personen verlieren meistens nicht die Kontrolle über ihren Arzneimittelkonsum und oft bleibt die Dosis über Jahre hinweg gleich, auf unauffälligem Niveau: eine sogenannte Niedrigdosis-Abhängigkeit. Entzugssymptome - wie Schlafstörungen, depressive Verstimmungen und Ängste - werden oft als die ursprünglichen Beschwerden gewertet und bieten Anlass für eine weitere Einnahme des Mittels.

Vor allem Abhängigkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln

Bei der Medikamentenabhängigkeit stehen Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine im Mittelpunkt - gute und bewährte Substanzen. Doch sie sind nicht für eine Langzeiteinnahme gedacht, weil gesundheitliche Folgen wie Abstumpfung, Konzentrationsstörungen, Müdigkeitsanfälle, aber auch körperliche Schädigungen innerer Organe drohen. Eine körperliche und psychische Gewöhnung tritt schnell ein - zur Vorbeugung empfehlen deshalb Experten, die Medikamente möglichst nicht länger als zwei Wochen einzunehmen. Benzodiazepinähnliche Mittel – die sogenannten Z-Drugs: Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon - sollen ein niedrigeres Abhängigkeitspotenzial haben, doch mittlerweile hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese Mittel auf die gleiche Stufe wie die Benzodiazepine gestellt. Auch andere Substanzen, die über das Zentralnervensystem die Psyche beeinflussen, machen abhängig, wie zum Beispiel das Schmerzmittel Tramadol, das - obwohl Opioid - in Deutschland nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Betroffene brauchen Rückmeldung und Hilfe

Es dauert lange, bis die Betroffenen auffallen, und es dauert lange, bis sie angesprochen werden. Das Umfeld schirmt die Betroffenen in der Regel ab, ein Phänomen, das Co-Abhängigkeit genannt wird. Doch die Betroffenen brauchen die Rückmeldung von Kollegen und Teamleitern, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, verbunden mit Hilfeangeboten. Pflegeeinrichtungen können sich Unterstützung bei der AOK holen. Ein Entzug braucht Zeit und Geduld, weil das Medikament schrittweise reduziert werden muss. Die Betroffenen brauchen dabei therapeutische Unterstützung im Rahmen einer ambulanten oder stationären Behandlung.