Rabattverträge sind besser als ihr Ruf

Die Arzneimittel-Rabattverträge zwischen Pharmaherstellern und Krankenkassen im generikafähigen Markt tragen dazu bei, die Arzneimittelversorgung zu stabilisieren. So lautet ein Fazit einer aktuellen Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). 85 Prozent der Patienten, die einen Wirkstoff längere Zeit einnehmen müssen, haben demnach 2016 fortlaufend das Präparat vom selben Anbieter erhalten und mussten keinen Herstellerwechsel ihrer Arzneien hinnehmen. Vor der Scharfstellung der Rabattverträge 2006 lag dieser Wert noch bei 74 Prozent. Für die Analyse wurden 45 Millionen Verordnungsprofile von AOK-Versicherten, denen generikafähige Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen verschrieben wurden, ausgewertet.

Großes Sparpotenzial für Kassen

PRO DIALOG aktuell  18.05.18 Infografik - Weniger Medikamentenwechsel Prodialog 18.05.18 Infografik - m

"Die Rabattverträge tragen dazu bei, unnötige Wechsel bei den Medikamenten zu vermeiden. Das wirkt sich positiv auf die Therapietreue und somit den Erfolg der Therapie aus", sagt der stellvertretende WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder. Die Krankenkassen konnten darüber die Listenpreise für Arzneimittel 2017 um mehr als vier Milliarden Euro senken. Schröder: "Die frei werdenden Finanzmittel können für eine qualitativ hochwertige Versorgung genutzt werden – ohne dass ein Qualitätsverlust hinzunehmen ist." Während früher die Apotheken von den Pharmarabatten profitiert hätten, komme das auf diesem Wege eingesparte Geld jetzt den Versicherten an anderer Stelle der Versorgung zugute.

Der Generika-Markt, der mittlerweile mehr als 50 Prozent der gesamten Arzneimittelkosten von 37,2 Milliarden Euro (2017) ausmacht, eignet sich besonders für europaweite Ausschreibungen. Denn mit dem Wegfall des Patentschutzes können auch andere Hersteller Arzneimittel mit diesem Wirkstoff anbieten und die Produktvielfalt erhöht sich. Während im gesamten Pharma-Markt durchschnittlich jeweils 18 verschiedene Produkte für jeden der rund 2.500 Wirkstoffe angeboten werden, sind es bei den Generika im Schnitt 27, bei einzelnen Wirkstoffen sogar mehr als 500 wirkstoffgleiche Alternativen. "Die AOKs haben 2017 mehr als 1,6 Milliarden Euro eingespart. Unsere Ausgaben für Medikamente sind nur um 0,9 Prozent je Versichertem gestiegen, der GKV-Schnitt liegt bei 2,8 Prozent", sagt Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg.  

Anbietervielfalt erhöht

Untersucht wurde in der WIdO-Studie auch, ob und wie die Rabattverträge die Pharmabranche verändern. Das Ergebnis: Die Anbietervielfalt im Generikamarkt hat sich mit der Einführung des Rabattsystems erhöht. Der in der Wissenschaft gebräuchliche Herfindahl-Hirschmann-Index, mit dem sich Marktkonzentration auf einer Skala von 0 bis 10.000 messen lässt, ist im Berichtszeitraum von 478 auf 298 gesunken und unterschreitet somit deutlich den EU-Wert von 1.000 für eine niedrige Marktkonzentration. Auch hat sich der Anteil am Umsatz der zehn größten Generikaanbieter 2017 auf 48 Prozent von 53 Prozent (2006) reduziert. Die verringerte Marktkonzentration zeigt, das nun mehr und auch kleinere Anbieter eine reale Chance haben, am Marktgeschehen teilzunehmen und diese offenbar auch nutzen.

Seit 2007 sind die Apotheken gesetzlich verpflichtet, wirkstoffgleiche Arzneimittel abzugeben. Welches Medikament dann über den Tresen gereicht wird, haben die jeweilige Krankenkasse und Pharmahersteller in einem Rabattvertrag ausgehandelt. "Heute erfolgt ein Medikamentenwechsel in der Regel nur dann, wenn Arzt und Patient dies für notwendig erachten", sagt Schröder. Der Arzt kann mit einem Kreuz bei der Aut-Idem-Regel auf dem Rezept darauf bestehen, dass der Patient in der Apotheke genau das verordnete und nicht das Vertragsprodukt erhält.

Minister diskutieren Lieferengpässe

Ob Rabattverträge im Markt Lieferengpässe auslösen, soll Mitte des Jahres in der Gesundheitsministerkonferenz diskutiert werden. Vertreter mehrerer Bundesländer sind der Auffassung, dass Rabattverträge die Liefersicherheit gefährden und drängen darauf, die Vertragsmöglichkeiten künftig einzuschränken.

Baden-Württembergs AOK-Chef Hermann kann diese Argumentation nicht nachvollziehen: "Rabattverträge lösen keineswegs Lieferengpässe aus. Die gemeldeten Ausfälle betreffen fast nur den Klinikbereich, in dem es kein Rabattsystem gibt." Für den ambulanten Bereich hätten die Apotheken bundesweit nur bei 0,6 Prozent der abgegebenen Fertigarzneien ein Lieferversagen des Herstellers dokumentiert und ein gleichwertiges Produkt abgegeben.

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