Neues Begutachtungsassessment: Paradigmenwechsel in der Pflege

Nadine Szepan - k

Nadine-Michèle Szepan

(07.04.15) In wenigen Wochen soll er da sein – der Referentenentwurf für das Zweite Pflegestärkungsgesetz. Damit soll auch der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff, an dem die Politik seit Jahren arbeitet, endlich Wirklichkeit werden. Gelten sollen die Änderungen dann ab 2017. Aber was genau bringt der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff den Pflegebedürftigen und Pflegenden?

Bisher gilt als pflegbedürftig, wer wegen einer physischen oder psychischen Behinderung für die wesentlichen Verrichtungen des alltäglichen Lebens, wie das Anziehen oder Waschen, dauerhaft Hilfe benötigt. Bedeutung haben vor allem körperliche Defizite. Die Notwendigkeit allgemeiner Betreuung, Beaufsichtigung und Anleitung, die etwa bei demenzkranken Menschen häufig auftritt, findet dagegen nur wenig Berücksichtigung.

Das soll sich mit dem geplanten Gesetz ändern. Grundlage für einen entsprechenden Umbau der Pflegeversicherung bietet das neue Begutachtungsassessment, kurz NBA. Es ist das Herzstück der Reform. Das NBA dient der Einschätzung der Pflegebedürftigkeit. Es bezieht sich aber nicht wie bisher darauf, wie viel Zeit für alltägliche Verrichtungen benötigt wird, sondern prüft, welche Fähigkeiten der Betroffene bei der Mobilität und Selbstversorgung noch hat; ob beispielsweise ein Mensch mit einer halbseitigen Lähmung in der Lage ist, sich selbstständig zu waschen. Außerdem erfasst das Instrument die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten, das soziale Verhalten, psychische Probleme, die Gestaltung des Alltags und soziale Kontakte. Im Fokus steht also nicht mehr die erforderliche Pflegezeit, sondern der Grad der Selbstständigkeit. "Damit rücken die noch vorhandenen Fertigkeiten und Fähigkeiten der betroffenen Menschen in den Mittelpunkt", sagt Nadine-Michèle Szepan; sie leitet im AOK-Bundesverband die Abteilung Pflege. Die AOK engagiert sich seit Jahren in verschiedenen Projekten für ein neues Pflegeverständnis, das stärker an der sozialen Teilhabe der Menschen ausgerichtet ist.

Für die AOK-Expertin geht es darum, die Fähigkeiten des Pflegebedürftigen durch beratende und edukative Maßnahmen zu aktivieren, um ihm so ein möglichst selbstbestimmtes und würdevolles Leben zu ermöglichen. "Um dies zu realisieren, müssen sich Selbstständigkeit und Teilhabe als künftige Leitbilder in allen Bereichen der Pflege widerspiegeln", betont Szepan. Das NBA biete dazu die notwendige Grundlage. Die ressourcenorientierte Pflege erfordere aber auch einen Paradigmenwechsel bei den Pflegenden, der ihre Fachlichkeit in den Fokus rücke. 

Dokumentationsaufwand künftig verringern

Elisabeth Beikirch k

Elisabeth Beikirch

Die Kompetenz, die vorhandene Fähigkeiten von Pflegebedürftigen richtig einzuschätzen und daraus Handlungsbedarf abzuleiten, haben nach Ansicht von der Pflegeexpertin der AOK auch für den Pflegeprozess und die Qualitätssicherung eine hohe Relevanz. Auf dieser Kompetenz baut zum Beispiel das sogenannte Strukturmodell für eine schlankere Pflegedokumentation auf. Im Zentrum des Verfahrens, das das Bundesgesundheitsministerium entwickelt hat, steht die Selbstbestimmung des Pflegebedürftigen. Die Fachkräfte planen, pflegen und dokumentieren ausschließlich so, dass sie den individuellen Bedarf und die Wünsche der Pflegebedürftigen berücksichtigen. Dadurch soll der Dokumentationsaufwand deutlich sinken. "Gemeinsames Ziel ist eine schlanke Pflegedokumentation, die fachlichen Kriterien standhält, übersichtlich und zeitschonend ist, ohne Qualitätsaspekte zu vernachlässigen. Pflegende sollen so mehr Zeit für die ihnen anvertrauten Menschen haben", erklärt Elisabeth Beikirch, ehemalige Ombudsfrau des Bundesgesundheitsministeriums zur Entbürokratisierung in der Pflege, die jetzt das Projektbüro "Einführung des Strukturmodells zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation (Ein-STEP)" leitet.

Von September 2013 bis Februar 2014 durchlief das Strukturmodell einen Praxistest. Die Ergebnisse: Der Dokumentationsaufwand ließ sich erheblich reduzieren, fachliche Standards blieben gewahrt und die Kommunikation zur Situation der Pflegebedürftigen war sichergestellt. Nun soll der bundesweite Rollout starten. Die Teilnahme der Pflegeeinrichtungen ist freiwillig. Das "Ein-STEP"-Projektbüro begleitet den Prozess und unterstützt die ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen bei der Umsetzung der neuen Dokumentation. Es wird beispielsweise einheitliches Schulungsmaterial bereitstellen und ab dem zweiten Quartal 2015 bis zu 640 von den Pflegeverbänden benannte Multiplikatoren in der Anwendung des Strukturmodells schulen. 

Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe

Heidemarie Kelleter k

Dr. Heidemarie Kelleter

Auch ist das neue Verständnis der Pflegebedürftigkeit für das interne Qualitätsmanagement entscheidend, wie das Projekt "Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe (EQisA)" zeigt. Das Projekt fußt auf dem neuen Verständnis von Pflegebedürftigkeit. Heute geben die sogenannten Pflegenoten Auskunft über die Qualität der Pflegeeinrichtungen in Deutschland. In die Beurteilung fließen aber nur die Ergebnisse der Prozess- und Strukturqualität ein. Verlässliche Aussagen zur Ergebnisqualität liefert sie nicht. "Die Ergebnisse sind jedoch die entscheidende Kenngröße für das Heim, um die Qualität reflektieren zu können", betont Dr. Heidemarie Kelleter, Referentin im Diözesen-Caritasverband für das Erzbistum Köln. Seit 2012 erproben die Caritas Köln und die Universität Bielefeld in 145 Pflegeeinrichtungen das EQisA-Konzept, das die Pflegequalität anhand von spezifischen Indikatoren misst sowie internes Qualitätsmanagement und externe Qualitätsprüfungen miteinander zu verknüpfen.

Gemessen werden die sogenannten Gesundheitsindikatoren. Dazu gehören zum Beispiel der Erhalt und die Förderung der Mobilität sowie die Vermeidung von Druckgeschwüren und Stürzen mit gravierenden Folgen. Beim EQisA-Projekt registrieren die Beteiligten die Aktivitäten von Heimbewohnern. Die Förderung vorhandener Fähigkeiten der Heimbewohner hat dabei eine hohe Bedeutung. "Das setzt eine Veränderung von Denk- und Handlungsmustern bei Pflegekräften und Prüfern voraus", meint Kelleter. Für die Caritas-Expertin sei die Abkehr von einer verrichtungsbezogenen hin zu einer personenzentrierten Versorgung Basis einer qualitätsgeleiteten Pflege. "Pflegekräfte sollten reflektieren, welche Fähigkeiten ein Pflegebedürftiger hat, wie sie diese fördern und erhalten können, damit er sich beispielsweise selbst das Gesicht waschen oder allein essen kann. Dies gilt umso mehr bei kognitiv eingeschränkten Menschen." Damit folge das Konzept dem neuen Verständnis der Pflegebedürftigkeit. 

NBA auf dem Deutschen Pflegetag 2015

Das neue Begutachtungsassessment (NBA) spielte auch beim Deutschen Pflegetag 2015 eine wichtige Rolle. In Vorträgen und Workshops widmeten sich zahlreiche Experten diesem Thema. So berichteten bei einer Veranstaltung, die Nadine-Michèle Szepan moderierte, Elisabeth Beikirch und Dr. Heidemarie Kelleter, aus ihren Projekten und zeigten, dass das NBA weit mehr ist, als ein neuer Zugangsweg zu den Leistungen der Pflegeversicherung.

 

Blick ins Podium 169_140 Elisabeth Beikirch 169_140 Elisabeth Beikirch 2 - 169 Heidemarie Kelleter 169_140 Heidemarie Kelleter - 2 - 169_140 Nadine Szepan - 169

Fotos: Simone M. Neumann

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