Kinder als Patienten: Erneuter Wachstumsschub bei den Heilmittel-Ausgaben der GKV

Foto: Erster Schultag

(25.09.15) Die Heilmittel-Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) sind erneut kräftig angestiegen. Laut vorläufigen Rechnungsergebnissen (KV45) für das erste Halbjahr 2015 gaben die Krankenkassen für therapeutische Dienstleistungen wie Physio-, Ergo- oder Logopädie insgesamt 2,9 Milliarden Euro aus. Das sind 5,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Heilmittel-Ausgaben der GKV damit um rund 70 Prozent erhöht: Im ersten Halbjahr 2005 lagen die Kosten für entsprechende Behandlungen noch bei 1,7 Milliarden Euro. Die Entwicklung geht großenteils auf den starken Anstieg der Verordnungen für Kinder zurück. Experten sehen einen Trend zur Verlagerung pädagogischer Probleme in die Medizin.

Obwohl die überwiegende Mehrheit der Eltern (93,6 Prozent) den allgemeinen Gesundheitszustand ihrer Sprösslinge laut KiGGS-Studie als „sehr gut“ oder „gut“ einschätzt, stellen Kinder im Heilmittel-Bereich einen hohen Anteil der Patienten. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) ermittelte für den Heilmittelbericht 2014: Fast die Hälfte (48 Prozent) aller verordneten Sprachtherapien aus dem Jahr 2013 wurde von Kindern zwischen sechs und neun Jahren in Anspruch genommen. 40 Prozent der Patienten in Ergotherapie sind unter 15 Jahre alt, 70 Prozent von ihnen Jungen. Obwohl die Heilmittel-Richtlinie des GBA eine Verordnung von Heilmitteln zur Behandlung pädagogischer Probleme ausschließt (Paragraf 6), kommt es vor allem im zeitlichen Umfeld der Einschulung zu einem deutlichen Anstieg der Therapien.

„Wo nichts zu heilen ist, hilft auch keine medizinische Therapie“

Über die Hintergründe des Verordnungs-Booms wird in der Fachwelt seit Jahren diskutiert. Tatsächlich scheinen sich laut WIdO die Fähigkeiten der Kinder im Schuleintrittsalter durchschnittlich verschlechtert zu haben. Gleichzeitig veränderten sich die Anforderungen durch Schule und Elternhaus, und auch das ärztliche Verordnungsverhalten wandele sich. Kinderarzt Dr. Michael Hauch, Autor des Buches „Kindheit ist keine Krankheit“ (2015), beobachtet in seiner Praxis einen Kulturwandel: „Eltern deuten ganz normale Phänomene zunehmend in Richtung Krankheit“, berichtet der Pädiater im Gespräch mit InfoRadio Berlin und mahnt zu mehr Rücksicht auf individuelle Entwicklungsverläufe. Häufig würden pädagogische Probleme in den medizinischen Bereich verschoben oder verzögerte Entwicklungen zur Krankheit stilisiert. „Kein Kind entwickelt sich nach Normfahrplan“, so der Kinderarzt. „Natürlich gibt es Lese- und Rechtschreibschwächen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen – die Frage ist, ob das medizinische Probleme sind.“ Wo nichts zu heilen sei, helfe auch keine medizinische Therapie.

Zur Broschüre "Erfolgreich kommunizieren in der Kinder- und Hausarztpraxis"