Pionier der Arzneiprüfung

aus G+G 2/2016

Professor Klaus Cichutek, Präsident Paul-Ehrlich-Institut - pl

Professor Klaus Cichutek

Auch hundert Jahre nach Paul Ehrlichs Tod sind die Spuren seiner Arbeit in der Immunolgie und Arzneimittelprüfung deutlich zu erkennen, sagt Klaus Cichutek, Präsident des nach dem Arzt und Forscher benannten Instituts.

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts stand der Kampf gegen die Diphtherie, einer Infektionskrankheit der oberen Atemwege, im ärztlichen Alltag und der medizinischen Forschung im Vordergrund. Der bakterielle Erreger war bereits 1883 entdeckt worden. Antibiotika waren noch unbekannt, ebenso wie Impfstoffe gegen die Diphtherie, die Kinder heutzutage vor dieser Krankheit schützen. Emil Behring gelang es zu zeigen, dass man die Diphtherie mit dem Serum von dagegen immunisierten Tieren heilen konnte. Er stand allerdings vor dem Problem schwankender Wirksamkeit, dessen Lösung er Paul Ehrlich verdankte. Dieser entwickelte eine Methode zur Standardisierung der Wirksamkeit des Diphtherie-Serums.

Paul Ehrlich wurde 1896 Direktor des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung in Steglitz bei Berlin. Dies war weltweit die erste staatliche Behörde zur Arzneimittelkontrolle und begründete das heutige Paul-Ehrlich-Institut (PEI), Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Nach damaligen Maßstäben wurden hohe Anforderungen an die Qualität der Immunseren gestellt. Erkenntnisse aus tödlichen Zwischenfällen mit kontaminierten Serumchargen im Ausland führten zu weiteren Sicherheitsprüfungen. Vor allem die staatliche Überprüfung jeder Serumcharge durch die Labortestungen trug zur hohen Qualität der deutschen Seren bei. Dieses Vorgehen stärkte das Vertrauen der Ärzte und der Bevölkerung in die neue Therapie. Ehrlichs Prüfmethoden fanden schnell Anerkennung in anderen Ländern und wurden zu international anerkannten Standardverfahren. Durch die Einführung von haltbaren Vergleichspräparaten mit bekannter Wirksamkeit gelang es Ehrlich, die Seren einheitlich zu bewerten. So konnte eine Dosierung der Präparate bei den Patienten nach Gewicht und Schwere des Krankheitsbildes leichter und effizienter vorgenommen werden. Die Serumtherapie rettete zahlreiche Kinder vor dem Erstickungstod.

Bereits drei Jahre nach Übernahme der Leitung des Instituts in Berlin bezog Ehrlich ein neues Institutsgebäude in Frankfurt am Main, das Königliche Institut für Experimentelle Therapie. Dort vervollständigte er seine Seitenkettentheorie, ein erstes Modell über die Antikörperbildung und die humorale Immunität. Die Grundzüge dieser mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Theorie haben noch heute Bedeutung. Bald darauf erhielt Ehrlich ein zweites, aus Stiftungsgeldern finanziertes Institut, das Georg-Speyer-Haus. Hier forschte Ehrlich mit seinem Wissenschaftlerteam systematisch nach einem Chemotherapeutikum zur Bekämpfung von Infektionserregern. Mit der 606. Substanz gelang der Durchbruch: Das später Salvarsan genannte Arzneimittel ermöglichte erstmals eine wirksame Behandlung der Syphilis.

Paul Ehrlichs Forschungen waren auch für die experimentelle Arzneimittelprüfung bahnbrechend. Er trug wesentlich dazu bei, die präklinische Untersuchung von Arzneimitteln und ihre Qualitätskontrolle zu etablieren und in gesetzlichen Prüfbestimmungen festzuschreiben. Dies wirkt bis heute fort. Das PEI bietet frühe wissenschaftliche Beratungen im Vorfeld klinischer Prüfungen an und präzisiert für jedes biomedizinische Arzneimittel die spezifischen Anforderungen an die Tests vor und bei der klinischen Prüfung. Damit ist gesichert, dass die Risiken bei der Erprobung neuer Arzneimittel am Menschen reduziert werden, aber die wissenschaftlichen Neuerungen den Patienten schnell zur Verfügung stehen. Das PEI ist der Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe und biomedizinischen Arzneimittel verpflichtet, fördert die Arzneimittelentwicklung und erforscht Prüfmethoden und medizinische Präventions- und Therapiestrategien. Auch dies ist eine Verpflichtung aus dem großen Erbe Paul Ehrlichs. Die Einbindung des Instituts in die dringend erforderliche Stärkung der translationalen Forschung in Deutschland, also der Übertragung von Erkenntnissen aus Laborversuchen auf die Anwendung am Menschen, könnte zu Innovationen im Bereich der Biomedizin genutzt werden.

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