Flüssig sprechen dank Onlinetherapie

Noch vor einem Jahr bedeutete der Gang zum Bäcker für den heute 17-jährigen Max eine Zerreißprobe. Statt einer Streuselschnecke, die er eigentlich essen wollte, bestellte er lieber einen Muffin. Dieses Wort konnte er leichter aussprechen. Max stottert seit seinem vierten Lebensjahr und ging viele Jahre wöchentlich zum Logopäden. Als der Lernstoff in der Schule immer komplexer wurde, verfestigte sich bei ihm das Stottern. Für ein zehnminütiges Referat in der achten Klasse brauchte Max fast eine Stunde. Schon vorher hatten seine Mitschüler ihn wegen seines Stotterns gehänselt. Noch heute denkt Max ungern an das Referat zurück. "Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken und kam mir wie ein Versager vor", erinnert er sich.

 

Junge mit Kopfhörern von Computer

Therapie von zu Hause aus: Im virtuellen Therapieraum kommen die jungen Patienten mit Logopäden und Sprechwissenschaftlern zusammen. Dabei gibt es auch Gruppentrainings. © AOK MEDIENDIENST

 

Therapie von überall aus

Unangenehme Situationen wie in diesem, an reale Erfahrungen angelehnten fiktiven Beispiel, können die Wendung bringen. Max sprach das Erlebte bei seinen Eltern an. Gemeinsam gingen sie zum behandelnden Arzt, der die Kasseler Stottertherapie empfahl.

Das Institut mit Sitz in Bad Emstal bei Kassel ist jedoch 200 Kilometer von Max’ Zuhause entfernt. Für einen Schüler wäre die Therapie mit längeren Fehlzeiten in der Schule verbunden gewesen. Doch seit 2014 bietet das Institut die Stottertherapie für Jugendliche ab 13 Jahren auch online an. Alle Inhalte der Präsenztherapie sind Bestandteil der knapp einjährigen Onlinetherapie. Die Behandlung erfolgt ortsunabhängig und die Therapiezeiten lassen sich flexibler in den Alltag der Patienten integrieren.

In Deutschland stottern rund 800.000 Menschen. Männer sind fünfmal häufiger betroffen als Frauen. Seit über 20 Jahren hilft das Institut der Kasseler Stottertherapie Betroffenen flüssiger sprechen zu können. Unabhängige Untersuchungen zeigen, dass 75 Prozent der Patienten auch drei Jahre nach Therapieende weniger oder gar nicht mehr stottern.

Alltagsaufgaben Bestandteil der Therapie

Vorbild für die Therapie ist das Precision Fluency Shaping Program des Amerikaners Ronald Webster. Der Allgemeinmediziner Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, Gründer der Kasseler Stottertherapie und selbst vom Stottern betroffen, entwickelte die Methode weiter. Der Patient erlernt durch die Therapie systematisch eine weiche, gebundene Sprechweise, die bei regelmäßigem Üben ein hohes Maß an Sprechkontrolle ermöglicht.

Neue Sprechweise integrieren

Nach einem persönlichen Vorgespräch müssen lediglich technische Voraussetzungen am Computer geprüft werden. Die Therapie findet im virtuellen Therapieraum statt und beginnt mit einer zehntägigen Intensivphase und viel Einzeltherapie. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem intensiven Üben des neuen Sprechmusters. Danach geht es in kleinen Gruppen von vier Klienten und einem Therapeuten weiter.

Video: Vorher-Nachher-Vergleich

Die Therapeuten sind unter anderem Sprechwissenschaftler und Logopäden. Sprechübungen und Rollenspiele gehören ebenso zur Therapie wie Atem-, Stimm- und Artikulationsübungen. Auch Alltagsaufgaben, zum Beispiel Telefonieren oder das gezielte Ansprechen von fremden Menschen außerhalb des virtuellen Therapieraums, sind essentieller Bestandteil der Therapie. Die Gruppe kann online Videoaufnahmen der anderen ansehen und Feedback geben. "Mich selbst stotternd zu sehen, war keine schöne Situation", sagt Max. "Doch wenige Monate später sah ich mich in der gleichen Situation fast flüssig sprechen", ergänzt er stolz. Im gesamten Therapieverlauf ist es wichtig, mit der Biofeedback-Software "Flunatic.Web" regelmäßig zu üben und die neue Sprechweise weiter in den Alltag zu integrieren. Dies ist die Voraussetzung, um nach Therapieende das flüssige Sprechen im Alltag auch ohne Therapeutenhilfe zu praktizieren.

Das Institut der Kasseler Stottertherapie (IKS) wurde 1996 gegründet und bietet Präsenz- und Onlinetherapie für stotternde Kinder ab drei Jahren sowie für Jugendliche und Erwachsene an. Seit Januar 2020 wird mit "Frankini" auch eine Therapie für 3-6 Jährige angeboten, bei der Eltern online zu Therapeuten ihrer Kinder ausgebildet werden. Die Übernahme der Therapiekosten für die Onlinetherapie ab 13 Jahren ist durch einen Direktvertrag mit der AOK Hessen geregelt. Weitere AOKs haben sich angeschlossen und bieten ihren Versicherten ebenfalls eine Kostenübernahme an. Im Juni 2019 wurden die AOK Hessen und das Institut der Kasseler Stottertherapie für die Onlinetherapie vom "Dienst für Gesellschaftspolitik" mit dem dfg Award in der Kategorie "Herausragende digitale Versorgungsmodelle im Gesundheitswesen" ausgezeichnet.

→ Nähere Informationen zu den Inhalten und zur Teletherapie

 

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