ARMIN überzeugt im Praxisalltag

Bei der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) ist bereits Realität, was mit dem E-Health-Gesetz bundesweit erst langsam anrollt: ein einheitlicher elektronischer Medikationsplan, der auch selbst gekaufte Arzneien aufzeigt. Bei ARMIN managen Arzt und Apotheker den Medikationsplan gemeinsam - mit Erfolg.

Für die Apothekerin Susanne Donner ist Dr. Tobias Schuhbauer auch dann zu sprechen, wenn es in seiner Praxis gerade hoch hergeht. Denn er kann sicher sein: Die Chefin der Heide-Apotheke am Krankenhaus im sächsischen Dippoldiswalde ruft zu den Sprechzeiten nur dann an, wenn sie dringenden Klärungsbedarf für die Abgabe von Medikamenten an einen seiner Patienten hat. Arzt und Apothekerin arbeiten eng zusammen, wenn es um die Betreuung multimorbider Patienten geht, die täglich mehrere Medikamente einnehmen müssen. Dafür beteiligen sie sich an der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen, kurz ARMIN.

Konsequentes Zusammenspiel

Susanne Donner, Apothekerin

Susanne Donner, Apothekerin in Dippoldiswalde

Das von den Apothekerverbänden und Kassenärztlichen Vereinigungen in Sachsen und Thüringen sowie der AOK PLUS initiierte Modellprojekt ARMIN soll bei den mehr als 300.000 AOK-PLUS-Versicherten, die dauerhaft gleichzeitig mehr als vier Arzneimittel einnehmen müssen, für mehr Sicherheit in der Arzneimitteltherapie sorgen. Kerngedanken sind die Verordnung von Wirkstoffen anstelle von Fertigarzneimitteln, die evidenzbasierte Wirkstoffauswahl mittels eines Medikationskataloges sowie ein konsequentes Medikationsmanagement.

Das funktioniert, indem Ärzte und Apotheker gemeinsam überprüfen, ob durch verordnete und rezeptfreie Medikamente Wechselwirkungen entstehen oder ob es Unverträglichkeiten gibt. Dafür nutzen sie einen gemeinsamen, elektronischen Medikationsplan. Die Teilnahme an ARMIN ist für Ärzte, Apotheker und Patienten freiwillig. Das stufenweise eingeführte Projekt läuft bis Ende 2018.

Beide, Arzt und Apothekerin, sehen in der Zusammenarbeit in ARMIN viele Vorteile. Zum einen für die Patienten, die dadurch deutlich mehr Sicherheit bei der Einnahme von Arzneimitteln haben - und damit auch mehr Lebensqualität. Denn durch das konsequente Zusammenspiel von Ärzten und Apothekern kann eine falsche Dosierung ebenso vermieden werden wie das Verwechseln von Medikamenten. Mögliche Komplikationen werden eingedämmt, Einweisungen ins Krankenhaus durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen bleiben den Patienten eher erspart. Zum anderen profitieren auch der Arzt und die Apothekerin von der gebündelten Kompetenz - nicht zuletzt durch eine höhere Arbeitszufriedenheit.

Gelebte Pharmazie

Schon die Umsetzung der ersten ARMIN-Module, Wirkstoffverordnung und Medikationskatalog, brachte viele Vorteile. Donner: "Jetzt kommen die Leute mit einem Rezept in die Apotheke, auf dem ein Wirkstoff verordnet ist. Das macht manches leichter, weil die Patienten bei einem Wechsel des Handelsnamens eines Medikaments weniger irritiert sind, wenn sie den Namen des Wirkstoffs kennen." Diesen Vorteil scheinen auch etliche Ärzte zu sehen, die sich nicht an ARMIN beteiligen. Donner: "Bei der Wirkstoffverordnung machen auch Ärzte mit, die überhaupt nicht bei ARMIN eingeschrieben sind." Die Reaktion der Patienten beschreibt sie so: "Auf jeden Fall werden durch ARMIN arzneimittelbezogene Probleme minimiert und die Therapiesicherheit erhöht. Das finden meine Kunden gut."

Und für die Apotheker stellt das Medikationsmanagement eine positive berufliche Herausforderung dar. "Durch ARMIN werden Compliance-Probleme verringert. Die Beratung der Patienten kann sich wieder auf Wirkung und Nebenwirkungen sowie die Anwendung des Arzneimittels konzentrieren, Fragen zum Hersteller treten in den Hintergrund", so Donner. "Dadurch können wir viel intensiver unseren pharmazeutischen Sachverstand in die Arzneimitteltherapie einbringen als bisher. Das ist gelebte Pharmazie."

Therapietreue steigt

Dr. Tobias Schuhbauer

Dr. Tobias Schuhbauer, Landarzt in Reinhardtsgrimma

"Die Medikamentenverordnungen sind nun transparenter und dadurch erlangen alle Beteiligten eine größere Sicherheit" erläutert Schuhbauer, dessen Landarztpraxis in Reinhardtsgrimma unweit der Heide-Apotheke liegt. Zwar beschert ihm gerade die Einführung des Medikationsmanagements mehr Arbeit in der Mittagspause oder an Freitagnachmittagen, doch zahlt sich die Mühe nach seiner Einschätzung aus. Schuhbauer: "Es gibt Patienten, bei denen ich das Medikationsmanagement für besonders wichtig halte. Da möchte ich gerne wissen, was sie neben den von mir verordneten Arzneimitteln sonst noch so einnehmen. Hat ein Facharzt noch etwas verordnet oder nimmt der Patient freiverkäufliche Medikamente ein?" Immer wieder kommt es nach seiner Erfahrung beispielsweise vor, dass Patienten auf eigene Faust im Internet medizinische Fragen recherchieren und dann ihre Therapie eigenmächtig modifizieren.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund kann durch das interdisziplinäre Medikationsmanagement die gebündelte Kompetenz von Arzt und Apotheker eine größere Therapietreue erreichen. Schuhbauer: "Man muss auch selbstkritisch sein. Bei aller Aufklärung und Information des Patienten kann es im Praxisalltag erfahrungsgemäß trotzdem vereinzelt zu Missverständnissen kommen." Auch diese lassen sich nun durch das Medikationsmanagement besser vermeiden.

Patienten manchmal überfordert

Manchmal ist es nach den Erfahrungen Donners schlicht so, dass Patienten durch Informationen aus der Arztpraxis oder aus dem Internet "gnadenlos überfordert" sind. Zum Beispiel, wenn es sich bei einem Medikament um eine einmalige Verordnung handelt. "Gelegentlich fällt den Patienten erst nach dem Arztbesuch auf, dass sie noch eine Frage haben. Die stellen sie dann eben in der Apotheke. Denn dort wird das Gespräch zwischen Apothekerin und Kunde durch ARMIN noch intensiver. Das fängt schon an, wenn die Frage nach der Einschreibung in ARMIN durch den Apotheker gestellt wird.

Nach Donners Worten läuft das so ab: "Entweder spricht der Arzt den Patienten an oder wir. Dann - nach der Genehmigung durch die Krankenkasse - bringt der Patient alle Medikamente mit, die er einnimmt - auch die selbst gekauften. Die Medikation wird besprochen, das nennt man Brown-Bag-Analyse." Die meisten Probleme in der Arzneimitteltherapie gibt es nach ihren Worten bei den Einnahmezeiten und der Therapietreue, bei der Verordnung gleicher Wirkstoffe unter verschiedenen Handelsnamen und durch unterschiedliche Ärzte, durch Neben- und Wechselwirkungen sowie infolge falscher Lagerung.

Die Erkenntnisse aus der Brown-Bag-Analyse fließen in den Medikationsplan ein, auf den der Arzt über den Medikationsplan-Server ebenfalls zugreifen kann. Am Ende bekommt der Patient seinen individuellen Plan ausgedruckt mit nach Hause.

Vertrauensvolles Zusammenwirken

Die Möglichkeit, mit dem Apotheker gemeinsam im Medikationsplan Verordnungsdaten einzusehen, zu kommentieren und zu bearbeiten, ist auch für Schuhbauer ein großer Schritt in Richtung mehr Sicherheit und begeistert ihn. "Der Plan ist für die Patienten eine echte Hilfe, da er außer den Medikamenten selbst auch Angaben zum Einnahmemodus und zum Einnahmegrund enthält. Die Patienten erleben außerdem das respektvolle und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Zusammenwirken von Apotheker und Arzt. "Sie bekommen so das Gefühl, rundum gut versorgt zu sein. Das könnte eine Profession allein in dieser Weise nicht vermitteln."

 

Zurück zu PRO DIALOG aktuell vom 01. Juli 2016