Vier Fragen an ....

Gabriele Tammen-Parr, Preisträgerin des Berliner Gesundheitspreises 2010

prodialog 02/11 Tammen-Parr

Was hat Sie zur Gründung von „Pflege in Not“ bewogen?

Tammen-Parr: Die Idee entstand in meiner Berufs praxis als Sozialpädagogin, als ich Gesprächsgruppen mit pflegenden Ehepartnern geleitet habe. Dabei habe ich viel über die Konflikte in der häuslichen Pflege erfahren. Das Spektrum reicht hier von verbalen Entgleisungen bis hin zu körperlicher Gewalt. Interessant war zu erleben, dass auch Pflegebedürftige aggressiv werden und Angehörige schikanieren können. So entstand die Idee zu dem Beratungs- und Beschwerdetelefon "Pflege in Not". Schon nach einigen Monaten haben wir auch Angehörige beraten, deren pflegebedürftige Familienmitglieder in einer Pflegeeinrichtung leben. Zusätzlich bieten wir Fortbildungen für Pflegefachkräfte an und beraten Richter, Ärzte und Betreuer.

Wer wendet sich an Ihre Beratungsstellen?

Tammen-Parr: 80 % der Anrufer sind weiblich und zwischen 55 und 75 Jahre alt. Das sind meistens pflegende Ehefrauen und Töchter. Die Betroffenen berichten über unterschiedliche Zwischenfälle: Da schlägt beispielsweise die pflegende Tochter ihre Mutter mit der Bürste, weil diese sich nicht die Haare kämmen lassen will, oder ein im Rollstuhl sitzender Mann fährt seiner Frau absichtlich gegen das Schienbein. Aber noch häufiger kommt es zu psychischer Gewalt. Es wird gedroht, angeschrieen, angeschwiegen, alleingelassen. Oder manchmal wird einfach nie das Lieblingsessen gekocht. Dass solche Verhaltensweisen keine Ausnahmen sind, wurde uns schnell klar. Mittlerweile erreichen uns rund 150 Anrufe im Monat. Mehr als die Hälfte der Hilfesuchenden sind pflegende Angehörige, die am Ende ihrer Kräfte sind. Oft herrscht bei den Anruferinnen ein großer Leidensdruck. Sie merken, dass sie Dinge tun, die sie nicht tun wollen, dass ihr Ton lauter oder die Handgriffe härter werden.

Wie können Sie Ratsuchenden helfen?

Tammen-Parr: Gemeinsam mit den Betroffenen suchen wir nach Wegen, die Aggressionen abzubauen und künftig anders damit umzugehen. Wenn pflegende Angehörige überlastet sind, finden wir eigentlich immer Entlastungsmöglichkeiten. Schwieriger wird es, wenn im Rahmen der Pflege alte Familien- oder Beziehungskonflikte ausgetragen werden. Dann wird häufig psychologische Beratung benötigt. Wir bieten Betroffenen bis zu zehn Gespräche an.

Wie wird "Pflege in Not" finanziert?

Tammen-Parr: In Beratungsstelle stehen drei Mitarbeiterinnen sowie zwei ehrenamtlich Beschäftigte Ratsuchenden zur Seite. Die Finanzierung stellt die Berliner Senatsverwaltung für Soziales sicher. Wir erhalten aber auch Unterstützung durch zahlreiche andere Förderer. Unser Träger ist das Diakonische Werk Berlin Mitte e.V.

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