Vorkasse-Medikamente: "Wahlfreiheit" kann für Patienten teuer werden

Entgegen der Darstellung auch in einigen Fachmedien geht es bei der Neureglung generell um die Generikasubstitution in der Apotheke und nicht nur um Rabattvertragsprodukte. Das Bundesgesundheitsministerium hat klargestellt, "dass in den Fällen, in denen ein Versicherter von der neuen Wahlmöglichkeit (...) Gebrauch macht und Kostenerstattung im Einzelfall wählt, die der Krankenkasse entstehenden Mehrkosten vom Versicherten unabhängig davon auszugleichen sind, ob ein Rabattvertrag besteht oder nicht".

Bei der Berechnung der Erstattung müssen die Krankenkassen neben dem Aufpreis für das Wahlmedikament die gesetzliche Zuzahlung sowie die gesetzlichen Apotheken-, Hersteller- und Großhandelsrabatte berücksichtigen. Hinzu kommen kann ein in der jeweiligen Kassensatzung zu veröffentlichender Abschlag für den Verwaltungsmehraufwand. Dieser ist gesetzlich auf maximal 5 Prozent des Erstattungsbetrages begrenzt.

Gesetzgeber hielt sich in den Details zurück

Wurde ein Rabattpräparat "abgewählt", wird die betreffende Krankenkasse auch den entgangenen Herstellernachlass berücksichtigen. Da die konkreten Rabatte dem Geschäftsgeheimnis zwischen Unternehmen und Kassen unterliegen, sieht das Gesetz hier eine Berechnung über Pauschalen vor, die über die Apothekensoftware zur Verfügung stehen.

Der zu Jahresanfang öffentlich ausgetragene Schlagabtausch zwischen Apothekern und Krankenkassen hatte seine Ursache darin, dass der Gesetzgeber keine Details geregelt hat. Die Selbstverwaltung muss in kürzester Zeit die genauen Verrechnungsabläufe regeln. Die jüngste Verhandlungsrunde zwischen GKV-Spitzenverband und dem Deutschen Apothekerverband fand am 17. Januar statt. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe lag kein Ergebnis vor.

Die AOK hat die Beteiligten im Sinne der Versicherten zur Eile gefordert. Zur Not müsse der Gesetzgeber eine Regelung treffen, um finanzielle Nachteile für die Versicherten zu verhindern. Denn bis zu einem Rahmenvertrag behandeln die Apotheken Vorkasse-Medikamente wie Privatrezepte: Der Apothekenabschlag von 2,05 Euro pro Packung wird dabei den Patienten in Rechnung gestellt, aber nicht an die Krankenkassen weitergeleitet.

Neuregelung ist kompliziert und überflüssig

Nach Auffassung der AOK ist die Neuregelung nicht nur kompliziert und teuer, sondern auch überflüssig. "Denn die Patienten bekommen kein besseres Medkament. Sie bezahlen schlicht mehr Geld für ein Arzneimittel, das exakt den gleichen Wirkstoff mit der gleichen Wirkstärke enthält wie das ursprünglich vom Arzt verordnete vorgesehene Medikament", sagt Apothekerin Sabine Beckmann, die beim AOK-Bundesverband die Abteilung Arzneimittel leitet. "Wir raten den Versicherten vor diesem Hintergrund davon ab, sich für Vorkasse-Medikamente zu entscheiden."

Die Krankenkassen gehen davon aus, dass die Pharmaunternehmen ihre Marketing-Aktivitäten deutlich verstärken werden, um die Vorkasse-Medikamente als vorgeblich bessere Arzneimittel am Apothekentresen durchzusetzen. Dabei geht es vor allem um Originalpräparate. Nach Angaben des Verbandes "Pro Generika" kosten die Nachahmerpräparate derzeit im Durchschnitt 19 Euro, Originalpräparate dagegen 41,44 Euro.

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Zum Hintergrund:

Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes in der GKV (AMNOG) sieht vor, dass Versicherte in der Apotheke dann ein anderes Medikament wählen dürfen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Der Arzt lässt den Austausch des verordneten Medikaments zu.
  • Verordnetes Medikament und Wahlmedikament beinhalten den gleichen Wirkstoff und die identische Wirkstoffmenge je Einzeldosis.
  • Verordnetes Medikament und Wahlmedikament haben die gleiche oder eine austauschbare Darreichungsform.
  • Verordnetes Medikament und Wahlmedikament haben die gleiche Normpackungsgröße (N1, N2 oder N3).
  • Verordnetes Medikament und Wahlmedikament haben ein gleiches Anwendungsgebiet.

Die Regelung gilt seit 1. Januar 2011 für alle Versicherten einer gesetzlichen Krankenkasse (auch für Kinder und Jugendliche).

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