Frage aus der Praxis

Rauchstopp – werden Medikamente zum Aufhören überschätzt?

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock,
Wissenschaftszentrum Berlin
für Sozialforschung (WZB)

Im Rahmen der Disease-Management-Programme Asthma/COPD, KHK und Diabetes wird rauchenden Teilnehmern ein Rauchstopp sehr stark nahegelegt. Laut Beschluss des G-BA können Raucher, die am DMP COPD teilnehmen, medikamentöse Unterstützung bei der Tabakentwöhnung erhalten. Auch deutsche und internationale Leitlinien empfehlen, die Entwöhnung durch Nikotinersatztherapie (NET) oder Psychopharmaka wie Bupropion und Vareniclin zu unterstützen. Die Rauchentwöhnung ohne medikamentöse Hilfe tritt so zunehmend in den Hintergrund. Medikamentöse Hilfen bei der Änderung eines ungesunden Lebensstils werden zunehmend zur Regel.
Eine aktuelle Analyse hinterfragt die zunehmende Medikalisierung der Tabakentwöhnung kritisch. Von 629 Original- und Übersichtsarbeiten zur Tabakentwöhnung enthielten nur 13 Daten zur Entwöhnung ohne Hilfsmittel. Bei fast jeder zweiten Studie zur medikamentösen Unterstützung bestand eine finanzielle Verbindung der Autoren zur Pharmaindustrie. Die Hälfte der industriegeförderten, aber nur 22Prozent der nicht geförderten Studien bescheinigte der NET signifikante Erfolge bei der Entwöhnung.
Die Autoren empfehlen, den Trend zur Medikalisierung kritisch zu reflektieren und wieder stärker deutlich zu machen, dass die gebräuchlichste Methode, mit der bis zu drei Viertel aller Exraucher erfolgreich waren, nach wie vor der Rauchstopp aus eigener Kraft – ohne Hilfsmittel – ist. Dazu brauchen wir auch mehr unabhängige, d.h. öffentlich geförderte Gesundheitsforschung.

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