Versorgungs-Report 2015/2016: Gute Versorgung für Kinder unabhängig von Regionen

Titelbild Versorgungs-Report 2015/2016

(03.12.15) Nicht nur Herkunft und soziale Lage, sondern auch der Wohnort entscheiden über die Gesundheitschancen von Kindern und Jugendlichen. Das belegt der neue Versorgungs-Report 2015 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der Anfang Dezember 2015 in Berlin vorgestellt wurde. Für Mandel- und Blinddarmoperationen zeigte sich deutlich: Ob und wann operiert wird, ist regional sehr unterschiedlich. So lag im bundesweiten Durchschnitt 2012 die standardisierte Operationsrate für Mandeloperationen bei 37 Patienten pro 10.000 Einwohner. In der Region Ingolstadt lag sie bei 17 je 10.000 Einwohner, während sie sich in der Region Magdeburg mit 66 pro 10.000 Einwohnern auf das Vierfache belief (s. Grafik rechts).

Versorgungs-Report 2015/2016 - Grafik Mandel-OPs

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Die Analysen des WIdO basieren auf Daten von AOK-Patienten bis 24 Jahren, bei denen im Krankenhaus entweder eine Mandelentfernung (Tonsillektomie) oder eine Teilentfernung der Mandeln (Tonsillotomie) durchgeführt wurde. Ein ähnliches Bild ergab sich bei den Blinddarmoperationen. Für 2012 betrug die bundesweite Operationsrate rund 27 Patienten je 10.000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Zwischen der Region Schleswig-Holstein Ost mit 13 Patienten pro 10.000 Einwohner und der Rate in der Region Ingolstadt mit 51,8 je 10.000 Einwohner unterscheidet sich die Rate ebenfalls um das Vierfache (s. Grafik links). "Die hohen Unterschiede zwischen den Regionen können nicht allein medizinische Gründe haben. Vielmehr sind sie ein deutliches Signal, die Indikationsstellung stärker zu hinterfragen", erklärte Jürgen Klauber, Geschäftsführer des WIdO und Mitherausgeber des Versorgungs-Reports.

 

Versorgungs-Report 2015/2016 - Grafik Blinddarm-OPs

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Bei den Mandeloperationen wurde im Versorgungs-Report erstmals für Deutschland auch ausgewertet, in welchem Umfang im Vorfeld des Eingriffs die von den medizinischen Leitlinien für bestimmte Mandelerkrankungen empfohlene Therapie mit Antibiotika stattgefunden hat. Faktisch hatten im letzten Jahr vor dem Operations-Quartal 35 Prozent der Tonsillektomie-Patienten nicht eine einzige Mandelentzündung mit Antibiotika-Behandlung. 64 Prozent der Operierten wurden maximal in zwei Quartalen eines Dreijahreszeitraums entsprechend antibiotisch therapiert. "Offensichtlich wurden in einem beachtlichen Teil der Fälle die Möglichkeiten der konservativen Therapie wenig oder überhaupt nicht genutzt", so Klauber. Laut der aktuellen Leitlinie der Fachgesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sind Tonsillektomien oder Tonsillotomien bei einer Mandelentzündung dann eine therapeutische Option, wenn in 12 bis 18 Monaten mindestens sechs Mal eine eitrige Tonsillitis (Mandelentzündung) mit Antibiotika therapiert wurde.

Arzneien oft nicht für Kinder geprüft

Dr. Karl-Josef Eßer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), wies bei der Vorstellung des Versorgungs-Reports auf eine weitere Lücke in der Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen hin, die dringend geschlossen werden muss. Angesichts fehlender Kenntnisse müssten Kinder immer wieder mit Medikamenten behandelt werden, die bisher nur an Erwachsenen untersucht und überprüft wurden. "Auch Kinder haben ein Recht auf sichere Arzneimittel. Doch mindestens 50 Prozent der Arzneimittel, die heute bei Kindern eingesetzt werden, sind nicht für ihre Altersgruppe geprüft. Dieser Mangel gefährdet unsere Kinder", so Eßer. Schätzungen gingen davon aus, dass in bestimmten pädiatrischen Teildisziplinen wie der Neonatologie der Off-Label-Use sogar bei 90 Prozent liegt.

Weitere Informationen und Materialien zum Versorgungs-Report 2015.