Hautkrebs: Onkolytisches Virus vor der Zulassung

(05.01.16) Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel Agentur (EMA) hat erstmals ein onkolytisches Virus zur Zulassung empfohlen. Damit steht das Immuntherapeutikum Talimogen Laherparepvec (T-VEC) unter dem Namen Imlygic© vor der Markteinführung in Europa. Imlygic© soll zur Behandlung Erwachsener mit fortgeschrittenen, nicht operablen Hautkrebs-Tumoren eingesetzt werden, sofern die inneren Organe, Knochen und Lunge nicht befallen sind. Auch die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA hatte das Medikament Ende Oktober für die Behandlung von Melanomen zugelassen. 

Neuer Wirkungsmechanismus zur Tumorbekämpfung

Imlygic© ist der erste Vertreter einer neuen Art der Krebstherapie: Onkolytische Viren sind gentechnisch veränderte Viren, die sich in Tumorzellen vermehren und diese gezielt zerstören. T-VEC enthält modifizierte Herpes-Viren, die direkt in das Melanom injiziert werden. Infolge der lokalen Freisetzung von Antigenen und der Produktion des Glykoproteins GM-CSF löst das Medikament zusätzlich zur Virenvermehrung eine systemische Immunreaktion gegen den Tumor aus. Wirkung und Verträglichkeit wurden in der Phase-III-Studie OPTiM mit 436 Melanom-Patienten getestet, die mit T-VEC behandelt wurden. Die Kontrollgruppe erhielt ausschließlich GM-CSF. 25 Prozent der Patienten sprachen ganz oder teilweise über mindestens sechs Monate auf die Behandlung mit T-VEC an, bei GM-CSF war es nur ein Prozent. 

Hoffnungsträger in der Krebsmedizin

Herkömmliche Chemotherapien scheitern häufig daran, dass die Krebszellen Resistenzen bilden. Bei der Behandlung mit gentechnisch veränderten Viren besteht dagegen die Chance auf nachhaltige Zerstörung des Tumors. Der Mechanismus gleicht einem Schneeballeffekt: Viren dringen in die Tumorzellen ein, vermehren sich darin und zerstören sie. Dabei entsteht eine neue Generation von Viren, die benachbarte Zellen angreifen und zersetzen, sodass im Idealfall die gesamte Geschwulst aufgelöst wird. Bisher haben Wissenschaftler rund zwei Dutzend Viren identifiziert, die zur Bekämpfung von Tumorzellen infrage kommen, darunter Polio-, Herpes- und Windpockenviren. Durch molekularbiologische Modifikationen im Labor erhalten sie weitere, für die Krebstherapie nützliche Eigenschaften. So sind in onkolytischen Viren für Tumorzellen toxische Moleküle enthalten. Diese Moleküle übertragen sogenannte Tumorsuppressor-Gene oder befördern die Bildung von Botenstoffen und tumorabtötenden Zellen, die zudem das Immunsystem aktivieren. Andere zerstören gezielt die tumorspezifischen Gefäße zur Blutversorgung der Geschwulst. Der grundsätzliche Wirkmechanismus gilt derzeit als gut belegt. In Bezug auf die Applikation und Dosierung sind jedoch noch viele Fragen offen.