Patienten verständlich informieren und beraten

(13.02.17) Im Klinik- oder Praxisalltag erschwert eine geringe Gesundheitskompetenz (Health Literacy) oft die Kommunikation mit den Patienten. So können manche Menschen schon Probleme damit haben, das korrekte Datum auf einem Terminzettel zu identifizieren. Sie verstehen die Informationen auf einem Beipackzettel nicht oder nur teilweise. Oder sie können aus einer Informationsbroschüre über ihre Krankheit die für sie wichtigen Informationen nicht herausfiltern.

Auch Beratungs- und Aufklärungsgespräche sind für Menschen mit einer niedrigen Health Literacy oft schwierig. Weil sie keine "dummen Fragen" stellen möchten, schrecken sie davor zurück, bei Unklarheiten nachzufragen. Gleichzeitig sind Ärzte, Praxis- und Pflegepersonal häufig betriebsblind für den Fachjargon, den sie benutzen, und der für Nicht-Profis oft unverständlich bleibt.

Broschüre "Gesundheitskompetenz - Verständlich informieren und beraten"

Für alle, die regelmäßig Beratungs- und Aufklärungsgespräche mit Patienten führen, hat die Universität Bielefeld nun eine Material- und Methodensammlung veröffentlicht. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV).

Die Broschüre "Gesundheitskompetenz - Verständlich informieren und beraten" stellt kompakt und übersichtlich 24 Methoden vor, die im Gespräch mit dieser Zielgruppe hilfreich sein können. Das reicht von Grundsätzen für die Verwendung einer einfachen und verständlichen Sprache bis hin zur "Teach-Back-Methode", bei der man Patienten am Ende eines Gespräches bittet, das Besprochene in eigenen Worten noch mal zu erklären.

Die Materialsammlung eignet sich zur gezielten Suche nach einer passenden Methoden ebenso wie zum systematischen Selbststudium. Die ausgewählten Instrumente verteilen sich auf fünf Schwerpunkte, die sich an Prozessen und Abläufen in der Praxis orientieren: Das Spektrum reicht von Grundsatzwissen (Was ist Gesundheitskompetenz überhaupt?) über Hinweise, wie Ärzte und andere Leistungserbringer eine geringe oder eingeschränkte Gesundheitskompetenz erkennen können, bis hin zu Methoden der Gesprächsführung oder Tipps für das Verfassen von schriftlichen Patienteninformationen. Ein letzter Abschnitt widmet sich der Frage, welche Rahmenbedingungen Institutionen schaffen müssen, damit Menschen mit niedriger Gesundheitskompetenz wirksam erreicht werden.

Gesundheitskompetenz: Die Situation in Deutschland

Eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld zur Gesundheitskompetenz in Deutschland hat ergeben, dass nur etwa jede siebte Person in Deutschland über eine ausgezeichnete Kompetenz in Gesundheitsfragen verfügt. Dagegen haben über die Hälfte der Menschen in der Bundesrepublik Probleme damit, gesundheitsrelevante Informationen richtig zu verstehen und anzuwenden. Eine repräsentative Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aus dem Jahr 2014 war zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Die Umfrage unter rund 2.000 gesetzlich Versicherten ergab, dass weit über die Hälfte der Befragten (59,9 Prozent) nur eine problematische oder unzureichende Gesundheitskompetenz aufweisen.

Geringe Health Literacy: Ursachen und Folgen

Faktoren, die laut der repräsentativen Umfrage der Bielefelder Wissenschaftler eine geringe Health Literacy begünstigen, sind vielfältig und gehen oft Hand in Hand: Das kann hohes Alter sein, chronische Krankheiten, Migrationshintergrund, ein niedriger sozialer Status oder eine eingeschränkte Lesefähigkeit.

Eine gering ausgeprägte Gesundheitskompetenz führt bei den Betroffenen oftmals zu mehr Krankenhausaufenthalten, häufigeren Notfalleinsätzen, einer geringeren Teilnahme an Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen, einer niedrigeren Therapietreue und letztendlich zu einer höheren Sterblichkeit. Diese Menschen haben außerdem Probleme, verfügbare Gesundheitsinformationen für sich selbst im Alltag oder bei der Krankheitsbewältigung zu nutzen. Diese Auswirkungen sind auch Indikatoren einer sozialen gesellschaftlichen Ungleichheit und werfen die Frage auf, wie und in welcher Form Gesundheitsprofessionen darauf reagieren können.

Nationaler Aktionsplan: Mehr Gesundheitskompetenz für Deutschland

Um ganz grundsätzlich die Gesundheitskompetenz der Menschen in Deutschland zu erhöhen, sollen konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet werden. Dafür haben sich im Rahmen des "Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz" die Universtität Bielefeld, die Hertie-School of Governance und der AOK-Bundesverband zusammengeschlossen. Bis zum Jahr 2018 soll eine Gruppe von Experten den Aktionsplan erarbeiten. Das Vorhaben wird durch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe als Schirmherrn unterstützt und von der Robert-Bosch-Stiftung sowie dem AOK-Bundesverband gefördert.

Mehr Informationen zum Engagement des AOK-Bundesverbandes in Sachen Gesundheitskompetenz