Krankenhausstrukturen in Deutschland müssen zentralisiert werden

Cover: KHR 2018 - kh

(20.03.18) In Berlin ist am Montag (19. März) der Krankenhaus-Report 2018 vorgestellt worden. Im Blickpunkt der aktuellen Ausgabe steht die bedarfsgerechte Krankenhausplanung. Auch zwei Jahre nach Inkrafttreten des Krankenhaus-Strukturgesetzes machen die Bundesländer von den Möglichkeiten eines qualitätsorientierten Umbaus der Kliniklandschaft nur zögerlich Gebrauch. Der AOK-Bundesverband schlägt deshalb ein gemeinsames Konzept von Bund und Ländern vor. "Das Zielbild 2025 sollte festhalten, wo wir mit der stationären Versorgung am Ende der nächsten Legislaturperiode stehen wollen", sagte der Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch.

Karl-Josef Laumann

Karl-Josef Laumann

Auf offene Ohren stößt der Vorschlag bei NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Er werde Qualitätsgesichtspunkte in den Mittelpunkt seiner Krankenhausplanung rücken, sagte der CDU-Politiker bei der Pressekonferenz. "Bei den Planungen standen bisher oftmals die Bettenzahlen im Fokus", so Laumann. Für die Patienten komme es aber maßgeblich auf die Ergebnis-Qualität der Leistungen an, betonte der ehemalige Patientenbeauftragte der Bundesregierung.

Mehr Versorgungsqualität durch Zentrenbildung

Martin Litsch

Martin Litsch

Nach Darstellung von Litsch geht es der AOK bei dem Zielbild-Vorschlag nicht vorrangig um die Frage, wie viele Kliniken es am Ende in Deutschland gibt. Ein deutlicher Schritt wäre es aber bereits, wenn Kliniken mit mehr als 500 Betten künftig nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel bildeten. Für eine an der Versorgungsqualität ausgerichtete Zentrenbildung plädierten bei der Vorstellung des neuen Krankenhaus-Reports (KHR) auch Mitherausgeber und WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber sowie der Gesundheitsökonom Prof. Reinhard Busse.

Das WIdO hat anhand aktueller Daten zu Darmkrebsoperationen durchgespielt, wie die Versorgung der Patienten durch eine Zentralisierung deutlich verbessert werden könnte. 2015 wurden laut Klauber in Deutschland rund 44.000 Darmkrebsoperationen in mehr als 1.000 Krankenhäusern vorgenommen. Ein Viertel der betreffenden Kliniken habe jedoch maximal 17 Eingriffe durchgeführt, bei einem weitere Viertel seien es bis zu 33 Operationen gewesen. Dürften nur noch zertifizierte Zentren oder Krankenhäuser mit einer Mindestzahl von 50 Darmkrebsoperationen diese Leistung erbringen dürften, wären das laut WIdO bundesweit 385 Kliniken.

"Bessere Überlebenschancen rechtfertigen etwas längere Anfahrtswege"

"Nicht nur bei Krebsoperationen, sondern auch bei anderen planbaren Eingriffen wie Hüftprothesenoperationen und sogar in der Notfallversorgung ist eine stärkere Zentralisierung nötig und möglich", betonte der KHR-Herausgeber. "Wenn sich die Therapiequalität erhöht und Überlebenschancen verbessern, sollten etwas längere Fahrstrecken kein Thema sein." Nach Berechnungen des WIdO würde sich der Anfahrtsweg im bundesweiten Schnitt von acht auf gerade einmal 16 Kilometer verlängern. Im dicht mit Krankenhäusern versorgten Nordrhein-Westfalen wären es sogar nur zehn statt bisher sechs Kilometer. Die längsten Fahrstrecken gäbe es mit im Schnitt 33 Kilometern in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir wissen aus Befragungen, dass die Menschen schon jetzt längere Wege in Kauf nehmen, um in guten Krankenhäusern versorgt zu werden", so Klauber.

"Diagnose allgemein akzeptiert, bei der Therapie hapert es"

Klauber und Busse

v.l.: Jürgen Klauber und Prof. Reinhard Busse

"Die Diagnose, dass die mangelnde Konzentration von stationären Fällen zu unnötigen Todesfällen führt, wird von der Politik mittlerweile akzeptiert, auch wenn es mit der Therapie noch hapert", stellte Reinhard Busse fest. So wäre es nach Darstellung des Professors für Management im Gesundheitswesen an der Fakultät für Wirtschaft und Management der TU Berlin längst angebracht, Patienten mit Verdacht auf einen Herzinfarkt nur in Krankenhäuser mit einer Herzkathetereinheit einzuliefern und dort zu behandeln.

Doch von fast 1.400 Krankenhäusern, die derzeit Patienten mit Herzinfarkten behandeln, weisen nach Busses Zahlen weniger als 600 eine solche Einheit auf. Das gleiche gelte für die Behandlung von Schlaganfällen. Nur gut 500 der 1.300 Kliniken, die Schlaganfälle derzeit behandeln, verfügen über entsprechende Schlaganfalleinheiten auf. Gleichzeitig sollte aus Sicht des Experten garantiert sein, dass das Krankenhaus rund um die Uhr über entsprechende Fachärzte verfügt. Doch nach Berechnungen Busses würde die Facharztversorgung nur für jeweils 600 Kliniken reichen, wenn mindestens ein Neurologe oder Kardiologe ständig verfügbar sein müsste: "Die Therapie kann also nicht lauten, jetzt noch die jeweils anderen rund 800 Krankenhäuser mit Schlaganfall- und Herzkathetereinheiten auszustatten."

Auch Mangel an Fachkräften spricht für Zentrenbildung

Pressekonferenz KHR 2018

v.l.: Martin Litsch, Karl-Josef Laumann, Jürgen Klauber, Prof. Dr. Reinhard Busse, Dr. Kai Behrens

Diese Situation betrifft aus Sicht des AOK-Bundesverbandes auch die Pflegekräfte: "Wir haben nicht genügend Personal, um alle bestehenden Krankenhäuser so auszustatten, dass sinnvolle Personalanhaltszahlen oder Personaluntergrenzen gut umgesetzt werden können", so Litsch. "Dieses Personal wird auch nicht kurzfristig auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sein, egal ob es 8.000 oder 80.000 sind." Auch deshalb sei die Zentrenbildung sinnvoll.

(Fotos: Stefan Melchior)

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