Wenn die Uhr anders tickt

Teilzeit - eine Herausforderung für alle

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Die Praxis öffnet zur Nachmittagssprechstunde und die Patientin wartet schon vor der Tür. "Ich wollte nur schnell die Überweisung abholen", sagt sie. Die MFA kennt die Patientin nicht, der Chef ist noch in der Mittagspause und die Kolleginnen vom Vormittag haben keine Nachricht hinterlassen. Was tun?

Situationen wie diese sind in deutschen Hausarztpraxen nicht ungewöhnlich, denn fast in jedem Praxisteam gibt es eine bunte Mischung aus Vollzeit- und Teilzeitkräften. Aus gutem Grund. Denn unser Beruf ist nach wie vor ein klassischer Frauenberuf, auch wenn der Anteil der männlichen Kollegen ganz langsam steigt. Und damit ist er auch ein idealer Teilzeitberuf, denn die Daten des Statistischen Bundesamtes belegen, dass Teilzeitarbeit noch immer überwiegend von Frauen geleistet wird. Nach Berechnungen des ifo-Instituts liegt der Anteil der teilzeitarbeitenden Männer deutschlandweit bei 6 Prozent, bei Frauen jedoch über 35 Prozent. Interessanter Nebenaspekt: Während in den West-Bundesländern etwa 44 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten, sind es in den Ost-Bundesländern nur 27 Prozent.

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Von Teilzeitarbeit spricht das Arbeitsrecht (§ 2 Teilzeit- und Befristungsgesetz) immer dann, wenn ein Arbeitnehmer regelmäßig kürzer arbeitet als ein vergleichbarer Vollzeitarbeitnehmer. Verglichen wird dabei in der Regel die Wochen- oder Monatsarbeitszeit - bei unregelmäßiger Arbeitszeit die Jahresarbeitszeit - der Teilzeitkräfte mit denen der Vollzeitkräfte. Grundlage der Zeitberechnung ist dabei der Tarifvertrag. Man unterscheidet zudem zwischen vollzeitnaher (ab einer wöchentlich durchschnittlichen Arbeitszeit von 30 Stunden) und vollzeitferner Teilzeit.

Die richtige Variante finden

Bei 50 Prozent der Arbeitszeit kann an allen Arbeitstagen in der Woche in reduziertem Umfang im Vergleich zur Normalarbeitszeit gearbeitet werden, etwa jeden Tag von 8 bis 12 Uhr. Aber auch viele andere Modelle sind denkbar - wie eine reduzierte Anzahl der Arbeitstage, bei denen aber an den betreffenden Tagen voll gearbeitet wird. Auch eine Mischform zwischen verschiedenen Modellen ist machbar oder eine wöchentliche Rotation. Werden flexible Arbeitspläne vereinbart, dann muss nach deutschem Recht bei dieser sogenannten Arbeit auf Abruf die Mindeststundenzahl je Woche und Einsatz angegeben werden. Andernfalls hat der Arbeitgeber "die Arbeitsleistung für zehn Stunden je Woche in Anspruch zu nehmen, wobei die Arbeitszeit je Einsatz drei Stunden nicht unterschreiten darf".

Klassiker mit Problemen

Die Gründe für die Teilzeitarbeit können sehr unterschiedlich sein: So kann durch zeitweilige Teilzeitregelungen ein Stellenabbau vermieden werden und ältere Mitarbeiterinnen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr die volle Stundenzahl absolvieren möchten, bleiben im Arbeitsverhältnis. Hauptgrund ist es aber ohne jede Frage, Job und Familie unter einen Hut zu bringen.

Der klassische Halbtags-Job am Vormittag ist deshalb auch das beliebteste Modell bei arbeitenden Müttern, da es gut mit den Kernbetreuungszeiten von Kindergärten und Schulen harmoniert. Es ist aber auch das Modell, das schnell zu Interessenkonflikten führen kann, denn auch Vollzeitkräfte wünschen sich ab und an einen freien Nachmittag. In der Praxis haben sich deshalb Modelle bewährt, die eine gewisse Flexibilität beinhalten. Damit lassen sich nicht nur die Arbeitszeiten im Sinn der Mitarbeiterinnen optimieren, auch für die Praxis ist es damit einfacher, Belastungsspitzen abzufangen - etwa Montag Vormittag. Je größer eine Praxis ist, umso leichter sind flexible Modelle realisierbar.

Prinzipiell ist es also eine prima Sache, wenn immer mehr Arbeitsplätze in Teilzeit angeboten werden. Das führt aber auch dazu, dass Kolleginnen, die an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten, sich nur kurz oder gar nicht sehen - "Kollegin Phantom" in der Praxis. Trotzdem müssen die Praxisabläufe reibungslos sitzen, das stellt überdurchschnittliche Anforderungen an die Arbeitsorganisation und besonders an die Kommunikation untereinander.

Ein fiktiver Patient hilft

Die Übergabe noch nicht abgeschlossener Aufgaben ist dabei das elementare Problem - damit es nicht zu der eingangs beschriebenen Situation kommt. Notizzettel sind da keine Lösung, denn sie gehen schnell verloren oder werden übersehen. Das EDV-System ist für solche Aufgaben prädestiniert, doch die wenigsten Softwarelösungen stellen dazu eine bequeme Routine bereit. Da kann ein fiktiver Patient helfen. Legen Sie in Ihrer Praxisverwaltungs-Software einfach einen Patienten namens "Übergabe" an. In diese Akte können dann alle laufenden Vorgänge eingetragen werden: Eine Patientin braucht eine Überweisung, wir warten auf einen Rückruf der Krankenkasse oder, oder. Der Vorteil: Schon nach wenigen Tagen ist es jeder Mitarbeiterin in Fleisch und Blut übergegangen, bei Dienstbeginn zuallererst in dieser Akte nach offenen Vorgängen zu schauen.

Infos von übergeordnetem Interesse gehören dagegen in die Teambesprechung, die idealerweise einmal im Monat oder zumindest in jedem zweiten Monat stattfindet - etwa wer geht wann in Urlaub oder welche Änderungen gibt es beim Qualitätsmanagement.

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