Startschuss für innovativen Selektivvertrag in den Bereichen Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie gefallen
(11.10.11) Mit der Vertragsunterschrift am Montag (10.10.11) in Stuttgart startete offiziell ein neuer Facharztvertrag nach §73c SGB V zur besseren Versorgung in den Bereichen Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie (PNP). Der Vertrag ermöglicht eine schnelle, strukturierte und flexibel auf die Bedürfnisse der Patienten zugeschnittene Behandlung. Mit diesem innovativen Versorgungsansatz wollen die Vertragspartner dem zunehmenden Versorgungsbedarf aufgrund psychischer Erkrankungen nachhaltiger begegnen.
Die AOK Baden-Württemberg sowie die Bosch BKK haben mit den ärztlichen und psychotherapeutischen Vertragspartnern MEDI Baden-Württemberg, Landesverband des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN), Deutsche PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) sowie Freie Liste der Psychotherapeuten den Vertrag abgeschlossen. Fachärzte und Psychotherapeuten in ganz Baden-Württemberg können sich ab sofort einschreiben.
Der PNP-Vertrag erweitert das AOK-FacharztProgramm, das bislang die Bereiche Gastroenterologie und Kardiologie mit über 70.000 eingeschriebenen Versicherten und mehr als 320 Fachärzten umfasst, um wichtige Versorgungsbausteine: Psychische Erkrankungen stehen mit rund 30 Milliarden Euro hinter Krankheiten des Kreislaufsystems und des Verdauungssystems an dritter Stelle der kostenintensivsten Krankheiten in Deutschland. Sie verzeichnen zudem den größten Kostenanstieg: Bereits zwischen 2002 und 2008 erhöhten sich die Gesamtkosten um 23 Prozent, die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle stieg zwischen 2000 und 2009 um 36 Prozent. "Das ist eine enorme versorgungspolitische Herausforderung, die wir mittelfristig nur mit einem auf unsere regionalen versorgungsspezifischen Bedürfnisse zugeschnittenen Selektivvertrag besser in den Griff bekommen können", sind sich Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, und Bernhard Mohr, Vorstand der Bosch BKK, einig. Die Bosch BKK wird sich deshalb auch den übrigen Verträgen des AOK-FacharztProgramms anschließen.
Schnellerer Behandlungsbeginn - strukturiertere und flexiblere Versorgung
"Wir haben deshalb mit unseren ärztlichen und psychotherapeutischen Vertragspartnern in sehr intensiven und konstruktiven Verhandlungen ein innovatives Konzept entwickelt, das eine signifikant schnellere, strukturiertere und flexiblere Versorgung sicherstellen wird", berichtete Hermann anlässlich der Vertragsunterzeichnung. "Der neue Facharztvertrag unter Einbeziehung der Psychotherapie ist ein Quantensprung in der ambulanten Versorgung psychisch und neurologisch kranker Menschen." Zufrieden mit dem Verhandlungsergebnis ist auch Dr. Werner Baumgärtner, Vorsitzender von MEDI Baden-Württemberg: "Der PNP-Vertrag setzt die richtigen Anreize und ermöglicht ein Honorarplus von bis zu 30 Prozent gegenüber der KV-Regelversorgung. Den teilnehmenden Ärzten und Psychotherapeuten stehen zudem deutlich mehr Behandlungsoptionen zur optimalen individuellen Patientenversorgung zur Verfügung. Ein Hauptvorteil für zuweisende Hausärzte ist die vertraglich vereinbarte schnellere Terminvergabe, die im KV-System häufig ein Nadelöhr darstellt."
So erhält beispielsweise ein teilnehmender Patient bei Verdacht auf eine Depression spätestens nach 14 Tagen einen Ersttermin bei einem Psychotherapeuten, im Notfall auch am gleichen Tag. Ist eine Behandlung nötig, schließt sich innerhalb von 14 Tagen ein Behandlungstermin an. Mit Ausnahme der langwierigen Psychoanalyse entfallen zudem aufwändige Gutachterverfahren zur Klärung der Kostenübernahme, so dass die Therapie unbürokratisch und ohne Verzögerung beginnen kann. Diplom-Psychologe Rolf Wachendorf von der Freien Liste der Psychotherapeuten lobt: "Chronifizierungen entgegenwirkend sind der bürokratiefreie schnelle Beginn einer Einzel- wie Gruppenpsychotherapie, die zeitnahe Versorgung innerhalb drei Tagen, wie auch der unkomplizierte Einbezug von Bezugspersonen, der speziell für Familien wichtig ist."
Wie bei den anderen 73c-Verträgen bilden strukturierte und leitlinienorientierte Versorgungspfade mit konkreten patientenbezogenen Zielen die Grundlage der Behandlung. Im Versorgungsfokus steht die Therapie der wachsenden Zahl schwerwiegender und aufwändiger Krankheitsbilder, insbesondere auch durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen den ambulanten Fachärzten und den Hausärzten. Im Gegensatz zum KV-System hat der teilnehmende Facharzt oder Psychotherapeut deutlich mehr Optionen, die Versorgung flexibel auf das Krankheitsbild und die Lebenssituation des Patienten abzustimmen. "Das Behandlungskonzept wird auf das Störungsbild zugeschnitten und richtet sich nach den Vorgaben der Leitlinien und dem wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie. Dadurch können neue wissenschaftlich anerkannte Verfahren, wie die systemische Therapie und neue wissenschaftlich anerkannte Methoden und Techniken angewandt werden", erklärt Dr. Alessandro Cavicchioli, Landesvorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung in Baden-Württemberg. Wachendorf erläutert weiter: "Von neuen Verfahren und Methoden wie der systemischen Therapie profitieren junge Menschen in Familien. Die Hypnotherapie hilft z.B. bei Ängsten, während eine der wirksamsten Methoden bei der Depressionsbehandlung zum Beispiel die interpersonelle Psychotherapie ist. Durch den neuen Vertrag wird endlich die Versorgungswirkung in den Vordergrund gestellt."
Strukturierte Arztbriefe stellen eine rasche und strukturierte Kommunikation zwischen Hausarzt, beteiligten Psychotherapeuten und Fachärzten sicher. "Diese verbindliche Kommunikations- und Versorgungsstruktur ist aus unserer Sicht bundesweit einmalig und wird maßgeblich zu einer erhöhten Behandlungsqualität beitragen", ist Birgit Imdahl, baden-württembergische Landesvorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte überzeugt.
Richtige Anreize bei der Vergütung
Die Vergütung im neuen 73c-Vertrag setzt sich zusammen aus einem sinnvollen Mix aus Pauschal- und Einzelleistungsvergütungen sowie Qualitätszuschlägen. Damit sollen einerseits eine leitliniengerechte Behandlung inklusive aller notwendigen Untersuchungen sichergestellt und gleichzeitig finanzielle Fehlanreize für unnötige Untersuchungen vermieden werden. Hervorzuheben ist auch die deutlich verbesserte Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Neben den für alle gültigen Verbesserungen werden hier auch die Teilnahme an Hilfeplangesprächen und der höhere Aufwand bei der Behandlung besonders gefördert.
Insgesamt können Fachärzte und Therapeuten im neuen Vertrag ein deutlich höheres Honorar erzielen. Im Mittelpunkt der psychiatrischen Honorarstruktur steht die unterstützende Gesprächsbehandlung für 82 EUR pro 50-Minuten-Einheit. Auch Neurologen haben nun mehr Zeit für Ihre Patienten, etwa durch zahlreiche krankheitsspezifische Beratungszuschläge, die mit bis zu 25 EUR vergütet werden. Psychotherapeuten können bei Akutversorgung die ersten 10 Stunden mit jeweils 105 Euro als Einzelleistung abrechnen, die anschließenden 20 Stunden à 90 Euro. Wenn nötig, können weitere 30 Stunden für 82 Euro abgerechnet werden. Dies fördert die Aufnahme neuer Patienten, sowohl Erwachsener als auch Kinder und Jugendlicher, die zeitnah nach der Diagnosestellung behandelt werden, und beugt so einer Chronifizierung der Erkrankung vor. Von der besseren und strukturierten Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten profitieren, wie bereits in den bestehenden Selektivverträgen, nicht nur die Patienten: Die zusätzlichen Honorare sollen insbesondere durch die Vermeidung von Krankenhauseinweisungen, Doppeluntersuchungen und durch die wirtschaftlichen Effekte einer rationalen Pharmakotherapie ausgeglichen werden.
Ab sofort können sich niedergelassene Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten in den neuen Facharztvertrag einschreiben. Es können alle Patienten eingeschrieben werden, die auch am jeweiligen HausarztProgramm der AOK bzw. Bosch BKK teilnehmen. Patienten, die bereits in das AOK-FacharztProgramm eingeschrieben sind, nehmen grundsätzlich automatisch teil. Voraussichtlicher Versorgungsbeginn ist Anfang 2012.
AOK Baden-Württemberg
Kurt Wesselsky (Pressesprecher)
Tel.: 0711 - 2593231
Bosch BKK
Sonja Feihle (Öffentlichkeitsarbeit)
Tel: 0711 - 81130790
MEDI Baden-Württemberg
Angelina Schütz (Pressesprecherin)
Tel.: 0711 - 80607973
Bundesverband Deutscher Nervenärzte e.V. Landesverband Baden-Württemberg (BVDN)
Birgit Imdahl (Landesvorsitzende)
Tel.: 0741 - 43747
Freie Liste der Psychotherapeuten
Dipl. Psych. Rolf Wachendorf
Tel.: 0711 - 386363
Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV)
Dr. Alessandro Cavicchioli
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Patzer PR
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