Wunsch nach gemeinsamer Verantwortung

Foto Irina Cichon, Projektmanagerin Gesundheit bei der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart

Irina Cichon, Projektmanagerin Gesundheit bei der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, spricht über das Projekt "Operation Team" und berufsständische Konflikte von gestern.

Ärzte Zeitung: Frau Cichon, im Rahmen des Programms "Operation Team" fördert die Robert Bosch Stiftung derzeit 17 Projekte im Ausbildungs- und Qualifizierungsbereich der Gesundheitsberufe und im Medizinstudium. Weitere sollen hinzukommen. Welches Ziel verfolgen Sie?

Irina Cichon: Zusammenarbeit im Gesundheitssystem darf kein Glücksfall sein, die Patienten müssen sich auf kooperative Arbeit der beteiligten Gesundheitsberufe verlassen können. Das braucht jedoch die Absicherung in Bildung und Kompetenzregelung, die förderlich wirkt und die Zusammenarbeit nicht behindert. Mit unserem Programm "Operation Team" wollen wir gezielt die berufliche Sozialisation angehender Mediziner, Pflegekräfte und Therapeuten adressieren. Auf diese Weise soll der zukünftige Fachkräftenachwuchs schon in der Ausbildungsphase an die Kooperation in einem berufsübergreifenden Team herangeführt werden und die hierfür erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernen.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus den verschiedenen Projekten bislang gewinnen können?

Die Frage nach langfristigen Effekten der Projekte wird sich vermutlich erst in einiger Zukunft beantworten lassen. Die unmittelbaren Lernerfolge der Teilnehmer interprofessioneller Lehrformate, die in unserer Evaluation erfasst wurden, wecken optimistische Erwartungen, gerade in den Bereichen Kooperationswissen oder Einstellungen zum Wert von Teams, zur Teameffizienz oder zu geteilter Führung. Außerdem wurden Verbesserungen der kommunikativen Fähigkeiten und des Wissensstandes mit Blick auf die künftige Zusammenarbeit festgestellt.

Gute Absichten sind edel – doch in der Praxis manchmal schwer umzusetzen. Was muss sich an Strukturen im Krankenhaus und in der ambulanten Versorgung ändern?

Einsicht ist der erste Schritt, lautet ein Sprichwort. In den letzten Jahren konnten wir in Deutschland eine positive Entwicklung verzeichnen: Teamarbeit und der dafür notwendige Aufbau von kooperativen Kompetenzen und Fähigkeiten werden – auch von politischer Seite – verstärkt gefordert. Neue Organisationsformen, abgestimmte Versorgungsprozesse, intelligente Hilfsmittel und gemeinsam definierte Ziele können interprofessionelle Kooperation begünstigen und somit die Patientenversorgung weiter verbessern.

Ärzte haben Hochschulabschluss, das Großteil der Pflegenden eine dreijährige Ausbildung. Sind manche Kommunikationsprobleme womöglich auch auf unterschiedliche Bildungshintergründe zurückführen?

Den "Schlüssel Bildung", der für ein verändertes Gesundheitswesen von enormer Bedeutung ist, sehe ich ein wenig anders. Gemeinsame Sprache und klare Kommunikation sind essentiell für erfolgreiches kooperatives Handeln aller Gesundheitsberufe. Wichtig sind die Ziel-, Aufgaben- und Handlungssicherheit sowie das wechselseitige Vertrauen und vermehrte Kenntnisse von Aufgabengebieten, Fachsprachen, Herausforderungen anderer Professionen. Die Vermittlung dieser Kompetenzen sollte daher eine stärkere Rolle im Ausbildungs- und Studienkontext spielen.

Delegation und Substitution ärztlicher Aufgaben sorgen unter Funktionären oft für Streit. Geht die neue Generation von Pflegenden und Mediziner anders an die Sache heran?

Ich habe fast alle unsere Operation Team-Projekte besucht und mit vielen angehenden Fachkräften aus gesprochen. Sie sind sehr engagiert und gehen die bestehenden Probleme/Hürden beeindruckend pragmatisch an. Sie denken vom Patienten her und wollen über alle Hierarchien, strukturellen wie professionellen Grenzen hinweg gemeinsam die beste Entscheidung im Sinne der Patienten treffen. Der Wunsch nach gemeinsamer Verantwortung wird sehr deutlich kommuniziert.

Schlussendlich: Teamarbeit kann man nicht erzwingen – was braucht es, damit es funktioniert?

Die Entwicklung von Teamarbeit kostet Zeit, Energie und weitere Ressourcen. Aber es lohnt sich, darin zu investieren. Denn somit wächst die gegenseitige Wertschätzung im Team und das Vertrauen in die Kompetenzen des anderen, die Entscheidungswege werden kürzer und die notwendigen Informationen fließen ohne Verzögerungen. Und davon profitieren vor allem die Patienten und ihre Angehörige. Und eine gute Kooperation hat deutlich größere Aussichten auf Erfolg, wenn sie bereits in der Ausbildung gelernt und im späteren Berufsleben stetig durch Fortbildungen aktiv trainiert wird.

Zurück zu PRO DIALOG aktuell vom 08.03.19