„Zusammenarbeit darf kein Glücksfall sein!“

Angehende Ärzte und Pflegekräfte wollen den Deutschen Pflegetag in Berlin nutzen, um für eine neue Kultur der Zusammenarbeit in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und in der ambulanten ärztlichen Versorgung zu werben. "Zusammenarbeit im Gesundheitswesen darf kein Glücksfall sein, Patienten müssen sich auf kooperative Arbeit der Gesundheitsberufe verlassen können", sagt Irina Cichon, Projektmanagerin Gesundheit bei der Robert Bosch Stiftung.

Zusammen mit dem AOK-Bundesverband, der AOK Nordost und der PflegeZukunfts-Initiative gehört die Stiftung zu den Initiatoren einer Diskussionsrunde, die im Rahmen des Pflegetages stattfindet. Die Runde will Anstöße geben, wie Ärzte, Pflegeprofis und andere Gesundheitsberufe im Berufsalltag stärker auf Augenhöhe agieren und Entscheidungen – wo möglich – gemeinsam treffen können. "Die Chance besteht, dass die neue Generation in Medizin und Pflege jetzt damit startet und Hierarchien und Kompetenzgerangel hinter sich lässt", sagt Dr. Katharina Graffmann-Weschke, Leiterin der PflegeAkademie der AOK Nordost.

Operation Team

Ein Schlüssel dafür liegt den Experten zufolge in der Aus- und Weiterbildung. Die Robert Bosch Stiftung hat bereits vor Jahren ein Programm aufgelegt, das unter dem Titel "Operation Team" 17 Projekte zum gemeinsamen Lernen fördert. Am Universitätsklinikum Greifswald etwa trainieren Medizinstudierende und Pflegeschüler in Fallszenarien, wie Notfallpatienten im Team besser versorgt werden können.

Im Rahmen des InHAnds-Projekts – Interprofessionelle Health Alliance Südniedersachsen – in Göttingen wiederum finden am städtischen Gesundheitscampus interprofessionelle Lehrmodule statt. Ihr Ziel: Studierende der Humanmedizin, der Pflege und der Therapiewissenschaften tauschen sich über Sicht- und Denkweisen aus und lernen so die Erwartungen und Kompetenzen der jeweils anderen Profession besser kennen. "Mit unserem Programm adressieren wir gezielt die berufliche Sozialisation angehender Mediziner, Pflegekräfte und Therapeuten", sagt Cichon. "Auf diese Weise soll der Fachkräftenachwuchs schon in der Ausbildungsphase an die Kooperation in einem berufsübergreifenden Team herangeführt werden."

An den Schnittstellen klemmt es

Dass sich die Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegekräften noch verbessern lässt, zeigen Modellprojekte und Erhebungen zu diesem Thema. So macht ein früheres gemeinsames Modellvorhaben von Bundesärztekammer und Deutschem Pflegerat großen Optimierungsbedarf in der Kommunikation und der Kooperation beider Berufsgruppen im Krankenhaus aus. Das gilt insbesondere für wichtige Schnittstellen wie Patientenaufnahme, Visite oder Entlassung. Hier ist eine abgestimmte Vorgehensweise aller Beteiligten wichtig, aber eben nicht immer selbstverständlich. Eine Umfrage für den "Picker Report" aus dem Jahr 2014 unter 11.000 Pflegekräften und 5.000 Ärzten bestätigt den Befund: Gut ein Viertel (27 Prozent) der Pflegekräfte und ein Drittel (37 Prozent) der Ärzte erleben die Übergabe von Patienteninformationen demnach als unstrukturiert.

Für den langjährigen Klinikmanager und heutigen Vorsitzenden der PflegeZukunfts-Initiative, Elimar Brandt, entscheidet sich daher auch an den gemeinsamen Schnittstellen, "ob Augenhöhe zwischen Medizin und Pflege gelingt".

Als Beispiel führt er die Visiten an. "Diese sollten partnerschaftlich von Ärzten und Pflegekräften durchgeführt werden." Der Vorteil: Fach- und Erfahrungskompetenzen würden gleichberechtigt wahrgenommen und eingebracht. Denkbar sei auch, dass die Leitung der Visite wechselseitig mal von einem Arzt, mal von einer Pflegefachkraft wahrgenommen werde. In Psychiatrie und Geriatrie fänden solche "Visiten auf Augenhöhe" teilweise schon statt. Natürlich weiß auch Klinikmann Brandt, dass sich gewachsene Strukturen nicht einfach über Nacht beiseite schieben lassen. Aber knapper werdende Ressourcen machten "ein abgestimmtes und von Wertschätzung geprägtes Miteinander der Berufsgruppen" nötig.

Graffmann-Weschke von der AOK Nordost sieht das ähnlich: "Es muss uns gelingen, mit immer weniger Fachkräften weiterhin Qualität vor Quantität in der Versorgung zu erhalten." Das gelinge nur, wenn Ärzte, Pflegende und Therapeuten sich als Orchester verstehen und nicht als Solisten auftreten würden. Der Benefit liege in besseren Patientenergebnissen, höherer Berufszufriedenheit und geringeren Behandlungskosten.

Zurück zu PRO DIALOG aktuell vom 08.03.19